Georg Simmel: Der Philosoph und das Geld
Berliner, so ist in Hamburg oder München oft zu hören, verstehen vom Geld nicht viel. Der öffentliche Haushalt eine Katastrophe mit Bestandsgarantie, private Insolvenzen kriegen die Berliner häufiger hin als alle anderen in Deutschland und ansonsten kaschieren sie an der Spree ihre monetäre Ahnungslosigkeit mit einem rotzigen „Arm, aber sexy.“
Was die Pfeffersäcke und Bussi-Bussi-Gesellschafter dabei übersehen: Nur ein Berliner hat über Geld so intensiv und lange nachgedacht, dass am Ende über siebenhundert eng bedruckte Seiten herauskamen. Der Titel lautet ebenso schlicht wie profund: Die Philosophie des Geldes.
Autor dieses Werkes ist Georg Simmel. Nein – nicht Johannes Mario! Die beiden waren ohnehin keine Zeitgenossen. Georg Simmel wurde nämlich 1858 geboren – in Berlin, mitten in Berlin. Sein Elternhaus stand an der Friedrichstraße Ecke Leipziger. Obwohl Berlin damals von einer europäischen Metropole noch ein paar Jahrzehnte entfernt war, hätte die Kinderstube des kleinen Georg Simmel urbaner kaum sein können. Ein Strom an Menschen, Waren, und Lichtern zog an seinen Augen vorüber, Stimmen, Gesprächsfetzen und Laute drangen in sein Ohr. Der Puls einer immer größer werdenden Stadt hämmerte auf den jungen Georg ein.
Das ließ ihn nicht ungerührt. Nach dem Besuch des Friedrich-Werder-Gymnasiums begann er an der Berliner-Universität sein Studium. Seine Wahl fiel auf Geschichte und Völkerpsychologie, später dann auf Philosophie. Herr Simmel rundete seinen Fächerkanon mit Kunstgeschichte und Altitalienisch ab. Vielleicht wollte er wissen, wie es mit dem Lateinischen nach dem Zusammenbruch des Imperium Romanum denn so weiter gegangen ist. Er interessierte sich jedenfalls für die Dinge, die ihn umgaben und das gründlich. Nach dem Studium promovierte er. Erst im zweiten Anlauf erreichte er 1881 den angestrebten Doktortitel.
Simmel, dem die FAZ attestierte, sein Einfluss erstrecke sich auf Geistesgrößen wie Weber, Benjamin, Heidegger, Sartre, Foucault und Luhmann, war alles andere als ein akademischer Überflieger. Zumindest wenn es um die offiziellen akademischen Lorbeeren ging. So kam ihm im Zuge seiner Habilitation ein Professor in die Quere, der in einem abschließenden Kolloquium 1884 behauptete, ein Gehirnlappen sei Sitz der Seele. Das hielt Simmel für Quatsch und ließ das den Herrn Professor auch wissen. Der sachlichen Richtigkeit hat Simmel damit sicherlich einen großen Gefallen getan, nur sein Professorentitel war damit fürs erste dahin. Das änderte sich erst 1900. Zu mehr als einer außerordentlichen Professur reichte es aber nicht. Das bedeutete: Kein eigener Lehrstuhl und als Doktorvater kam er auch nicht in Betracht.
Doch der aufrechte Denker hatte als Privatdozent sein Publikum. Seine Vorlesungen erlangten schnell den Stellenwert von begehrten Aufführungen in Sachen Philosophie. Eine Art philosophisches Quartett, nur besser und live als One-Man-Show Dabei konnte Simmel über den Henkel einer Vase genauso pointiert dozieren, wie über die Metaphysik des Todes. Seine Zuhörer dankten es ihm und wurden immer zahlreicher. Als es 1914 mit dem Lehrstuhl dann doch noch klappte, allerdings in Straßburg, rief ihm die trauernde Berliner Presse hinterher: „Dass Simmel nun die Universität verlässt, an der er dreißig Jahre tätig war, bedeutet nicht bloß für diese einen Verlust – auch für ihn. (…) Simmels Kolleg ist in den letzten zwanzig Jahren zur Berliner Tradition geworden. Straßburger Tradition wird es nie.“ Damit sollte der Autor recht behalten. Simmel selbst empfand die Straßburger Universität als „verödet“. Vier Jahre war er dort tätig. Am 26. September 1918 starb er in Straßburg mit 60 Jahren an Leberkrebs.
Im Gegensatz zu seinem Weggefährten Max Weber, der die Welt mit geistigen Gebirgen im Telefonbuchformat bereicherte, war Simmel kein Mann der großen Theorien. Seine Stärke waren philosophische Essays. Gedankliche Miniaturen, die bis heute als wohltuende Impulse ins Großhirn vordringen.
Über das Geld hat er sich allerdings in epischer Breite Gedanken gemacht. Aus gutem Grund. Es drang zu Lebzeiten Simmels immer tiefer in den Alltag vor. Dies galt insbesondere für die Großstadt. Erst das Geld machte das Leben in einer Metropole möglich, zu der sich Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts aufgeschwungen hatte. Simmel kam zu dem Ergebnis: „Durch das rechnerische Wesen des Geldes ist in das Verhältnis der Lebenselemente eine Präzision, eine Sicherheit in die Bestimmung von Gleichheiten und Ungleichheiten, eine Unzweideutigkeit in Verabredungen und Ausmachungen gekommen, wie sie äußerlich durch die Verbreitung der Taschenuhren bewirkt wird.“ Ohne Geld und Uhren würde nach Ansicht des Berliner Gelehrten „das Ganze zu einem unentwirrbaren Chaos zusammenbrechen.“ Diese Einschätzung hinderte Simmel nicht daran, beim philosophischen Blick in die Geldbörse zu warnen: „Indem das Geld mit seiner Farblosigkeit und Indifferenz sich zum Generalnehmer aller Werte aufwirft, wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt den Kern der Dinge, ihre Eigenart, ihren spezifischen Wert, ihre Unvergleichbarkeit rettungslos aus.“ Pragmatisch, wie der Schöngeist Simmel durchaus sein konnte, stellte er unterm Strich fest: „Indem solche Mächte in die Wurzel wie in die Krone des ganzen geschichtlichen Lebens eingewachsen sind, dem wir in dem flüchtigen Dasein einer Zelle angehören – ist unsere Aufgabe nicht anzuklagen oder zu verzeihen, sondern allein zu verstehen.“
Eigentlich, so könnte man meinen, hätte aus einem wie Simmel, durchaus ein Dichter werden können. Georg Simmel hat sich darüber selbst Gedanken gemacht. Am Ende stellte er fest: „Die Wirklichkeit ist zu stark für mich – ich war kein Dichter – kein Dichter!“
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