Turn the table
Ich habe lange Jahre Schach gespielt. Nicht das Spiel, eher die ernste Variante. Jetzt bin ich matt und habe gewonnen. Großes Tennis, gewiss. Ich bin 45 und stehe am Anfang. Alles auf Anfang:
Job weg
Das mit der Liebe hätte anders laufen dürfen in den letzten paar Jahren
Und jetzt die Frage, wie es weiter gehen soll. Nun:
Die Einkommenssituation sollte wieder in meinen Händen ruhen und zwar bitte bis zum 30. November 2012. Dann ist hier Feierabend. Dann ist Ausverkauf – money for nothing: Ein angeschossener S350 mit plattem Reifen, der am Rinnstein von Bogenhausen lehnt. Ich habe die Poesie meines Jobs geliebt, nur auf die Dauer ihn auszuführen blieb mir verwehrt. Ich war alleine dort oben im Luftraum zwischen Köln/Bonn und TXL und bin es geblieben. Ich habe die Stirn geboten in meinem Job. Meine Stirn! Eine andere kann ich schlecht hinhalten. Sie haben gefeuert aus allen Rohren, sie haben mit Granaten nach mir geworfen. Mir war schon klar, warum sie mich an diesen Tisch zitierten. An dem ich freien Blick hatte auf eine Kreuzung in der sich Friedrichstraße und ‘Unter den Linden’ treffen. Da war es vorbei. Ich hatte mein Tribunal. Daran zu arbeiten, dauerte eine geraume Zeit. Ich wollte gefeuert werden, gewiss, aber bitte zu meinen Konditionen. Dafür habe ich einiges in Kauf genommen. Ich habe dieses blöde Kreuz auf mich genommen. Ich war verräumt, ein Salär jeden Monat von dem mancher träumt, In der Früh einen Anzug und eine Krawatte umgebunden. Und ich lernte Krawatten schätzen mit der Zeit. Da gibt es sehr schicke Farbkombinationen und ganz schön fette Bäuche. So wurde ich dann älter. Als der ehemalige Taxifahrer seine Konditionen durch geboxt hatte, war mir eine Szene vergönnt, die ein Trailer war. Ein Teaser – etwas, das dir das Leben aufs Kissen legt und dir die Hand darum umschliesst. Bewahre es, es gehört dir.
Solange wie es bei dir ist.
Die Konditionen waren ausgehandelt und es war Mai. Ich stand auf der Straße und rauchte. Gegenüber lief meine Chefin lang, deren Opfer ich nun endgültig wurde. Sie schlich sich an einem Taxi vorbei und stieg in einen Opel. Die Auto-Marke meiner Kindheit. Ich betrachtete dieses Szenario, nach einem langen Kampf. Ein Kampf, der Bilder von der Landung in der Normandie einschließt. Damals als sich die Landungsklappen am Ohama-Beach öffneten. Und das Feuer frei war.
Jetzt gilt es die Glut zu nutzen. Irgendwo.
Ein preußisches Dorf
Am Nachmittag eines Ostersonntags nicht willkommen zu sein. Schnell musste ich diese Feststellung treffen und bin gegangen – eine Runde durchs Dorf zu drehen. Es ist ein brandenburgisches Straßendorf. Zu beiden Seiten stehen die Gebäude in einer Reihe. Das Schloß aus dem etwa 18. Jahrhundert in der Mitte. Mit einem Park der immer noch davon zeugt, sie wussten zu leben. Auf Kosten vieler anderer, die um sie herum gewohnt haben. Aber wie sind sie damit umgegangen? Wie haben sie sich dazu gestellt, dass andere weit aus weniger hatten als sie? Was die Preußen in den Augen eines Bayern können, und das sind meine, ist, Parkanlagen zu bauen. Darin waren sie großartig – die Preußen. So spaziere ich durch ein Dorf in der Nähe von Vehlefanz und denke nach. Ich muss sehr viel denken in diesen Tagen. Darüber, ob ich mich verrannt habe, woher die nächste Kohle kommt, auf der nicht steht: “Die kommt vom Staat!”
Ein Schloss, viele Wohnhäuser darum herum. Kleine Bauernhöfe und klar erkennbare öffentliche Einrichtungen, die etwa ein Jahrhundert auf dem Buckel haben, können auch 150 Jahre sein.
Auf dem Friedhof liegt alter preußischer Landadel: von Trotha (oder doch von Trotta, von wegen Margarete von Tohta), von Bülow. Ich mag alte Friedhöfe. Das hat jetzt mit morbid eher weniger etwas zu tun.
Dieses morbide Straßendorf sieht so aus – fast so aus, zumindest sehr ähnlich – wie ein Dorf meiner Ahnen.
Eine Schule, Kirche, Dorfkrug eventuell mit Tanzboden, eine Haltestelle für Busse oder ähnliches, Gemeindehaus, Feuerwehr – Schloß mit Park, Gemeindewaage nebst Backhaus. Und Getreidesäcke, die über Mauern fliegen und in Kellern verschwinden. Er ist einsam dieser Nachmittag eines Ostersonntags. Seine Erkenntnisse, sind nicht von jener Art, die man freudig begrüßt. Aber diesen Erkenntnissen muss ich mich stellen. Wenn du mitte März riechst, bis Mitte April wird es noch mal sehr kalt, dann zieh dich warm an.
Das Szenario, auf das ich letztlich stieß, war mir von Anfang an klar: “Die JMutter der janzen Chose darf ich nach Hause fahren.” Und so kam es dann auch: Ich war gewiss nicht erfreut, aber ich dachte mir: hab’ ick ett doch jewusst. Blöderweise konnte sie ihrer Tochter nicht ganz erklären, was es mit dem großen Kino auf sich hat. Vielleicht liegt es auch an mir, ein Freund des ganz großen Kinos. Einer der das Wort Kintopp noch kennt. Cinma, la maison de la lumière magique.
Der Heimweg wird anstatt 50 Kilometer, 150 betragen. Ich erfahre viel über eine Familie, die nicht meine ist. Die leben noch, im Gegensatz zu den Grabsteinen auf dem Friedhof. Ob sie jetzt ‘Hurra’ schreien oder nicht – sie leben noch. Was mussten sie nicht alles überstehen und leben noch. Neben mir sitzt eine Dame, deren Urenkel, mich mit knapper Handbewegung verabschiedet hat, mit seinen 8 Jahren. Tja, ja, Familie – nicht meine. Obwohl es meine sein könnte. Fragen sie mich bitte nicht nach Familiengeschichten. Also da kann es richtig grausam werden. Geradezu gruselig, um nicht zu sagen Morbid.
Wo viel Schatten ist, ist das Licht nicht fern. Das ist die andere Seite. Ohne die das Versus nicht denkbar wäre.
An dieser Stelle gehen mir vermutlich die Leserquoten flöten. Jetzt wird es Kryptisch. Fassen Sie sieben Stunden in xxxxx² Zeilen zusammen. Kein Wunder, dass ich an Schlaflosigkeit leide. “Wir werden wohl eher Freunde.” Fast war ich mir sicher, sie wird sich mit der kleinen Lösung begnügen.
Du bist jetzt draußen
Das war es jetzt also. Der erste Tag liegt hinter dir. Lange geschlafen – dann Texte gelöscht. Freigeschaltet – meine private Redaktion. Ich habe Börsenberichte unter hohem Druck geschrieben, aber der Druck meiner Privat-Redaktion erscheint stärker.