Lindenkeller

Was du heute vermisst, hast du tastend damals nicht gefunden. Audi 80, heimwärts, und irgendwann hat einer Erbarmen:

I fahr ganz aloa durch d’ Nacht auf der BAB 3
von Hamburg nach München is’ weit und I schlaf scho fast ei
drum fahr’ I auf an Rastplatz, I brauch jetzt an starken Kaffee
und wiar I grad wieda fahrn wui da sig I’s an der Tankstelln steh
sie schaut so verlorn aus drum sag I zu ihr, steig doch ei
I fahr bis nach München und der Platz neben mir is no frei
sie sagt sie war in Frankfurt – Frankfurt is OK
doch jetzt wuis wieda hoam, nach FFB
nach FFB

Ja sie wui wieda hoam,
Ja sie wui wieda hoam,
Ja sie wui so gern wieda hoam, nach FFB
sie wui so gern wieda hoam, nach Fürstenfeldbruck

Sie schaut verdammt jung aus I schätz’ ungefähr 16 Jahr
sie hat so traurige Augn und schulterlange, strohblonde Haar
aus den Teenagerträumen vom ganz großen Glück is nix worn
und irgendwo unterwegs hat’s wahrscheinlich ihr Lächeln verlorn
I fahr mit ihr schweigend durch d’ Nacht und schalt’s Radio ei
mit 180ge im Schnitt müsst ma bald scho in Ingolstadt sei
doch kurz hinter Nürnberg im Nebel is plötzlich passiert
ja I hab fast nix g’sehn und hab einfach fui z’spät reagiert
fui z’spät reagiert

Ja sie wollt wieda hoam,
Ja sie wollt wieda hoam,
Ja sie wollt so gern wieda hoam, nach FFB
sie wollt so gern wieda hoam, nach Fürstenfeldbruck

Ja sie wollt wieda hoam,
Ja sie wollt wieda hoam,
Ja sie wollt so gern wieda hoam, nach FFB
sie wollt so gern wieda hoam, nach Fürstenfeldbruck

Die Heimat dort unten wirft ein mächtiges Gewicht in die Wagschale. Widerstehen nein, leben ja.

13.9.97

Eine Hoffnung zieht sich in die Länge und wird dabei immer dünner. Noch reißt sie nicht. Unsere Wege haben sich getrennt. Die Linie ist gezogen. … – und am Ende alleine. Kein Grund sich zu beschweren – Auf sich gestellt sein. Bei O anfangen. Zu ahnen, es könnte niemals den Traum erreichen. Die Straße runter an der Ecke, ist nichts.

Ungehaltene Reden

“Gib mir den Wein, der mir die Zeit von den Schultern reißt” Sechs Jahre Taxi. Ein Satz.

Danke an euch alle, die ihr meine Fahrgäste, meine Passagiere wart. Ihr seid eingestiegen, ich habe euch gefahren. Wohin ihr wolltet, musstet, solltet. Du kannst dir eben keinen Reim drauf machen. Das war das wichtigste.

Ich habe Sätze gehört, die in ihrer Brutalität zu übertreffen nicht mehr waren. Sätze, die ich nie hören wollte. Sätze, die einen ahnen lassen, warum einer durch die Hand eines anderen stirbt.

Ich habe Menschen gesehen, die zu töten bereit waren, und wussten: “Mach dir bloß die Hände nicht schmutzig.” Töten lassen ist die Formel. In solchen Fällen. Outlaws.

Entschlossene Charaktere, mitunter.

Einen Mann habe ich gesehen, dessen Leben an dem dünnnen Faden einer Antwort seiner Schwester hing. Ob er sie bekommen hat weiß ich nicht. Als ich darum bat, hatte ich Tränen in meinen Augen.

Jahre später sah ich unweit des Münchener Hauptbahnhofs einen Mann von der Straße. “Petra!!!”, schrie er. “Petra!!!” laut in einen Abfalleimer, der an einem Straßenschild angebracht war. Nein, er sagte nicht Fotze, das Mittelstück habe ich allerdings nicht mehr parat. Sein Nachsatz jedenfalls lautete: “Aber die … antwortet mir eh nicht.”

Es ist ein grausames Spiel, zu tippen, welcher dieser beider Menschen der glücklichere ist. Existenzialisten sind sie beide, nolens, volens. Der zweite, hatte allerdings deutlich mehr Glück, als der erste.

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