Fahrphysik

Sie ist gut drauf – das wurde klar nachdem ich ihren Start-Knopf gedrückt hatte. Der zwei Zylinder Vau steht mit allem zur Verfügung, was er hat. Das Fahrwerk willigt ein und jede Kurve freut sich auf eine saubere Linie. Die Maschine hat einen guten Tag. Wir fliegen mit etwas über hundert durch den Wald, sie reitet durch lichte Dome.

Sie wurde in Italien zusammen geschraubt – bislang hat man hierzu von einer Rating-Agentur nüscht jehört. In den Wäldern Brandenburgs würde es ohnehin nur stören.

Der Beginn einer Kurve weiß um sein Ende. Sie rast fliegend und katapultiert mich in Opern.

Weich, ganz weich, zirkeln wir um die Kurven des Werbellinsees. Beethoven, Mozart, Dvorak und der Ritt der Wallküren. Ein italienisches Motorrad von eigener Rasse. Wir rasen durch die Oper und verharren in Stille. So viel Stil wie eine Moto Morini hat.

I bin koi G’radausfahrer und a BMW fahr i au net! Wenn sie durch eine Kurve gleitet und sich als Göttin erweist bin ich auf meiner Maschine. Es ist meine Drama-Queen. Diese etwa knapp 10.000 Teile fügen sich zu etwas zusammen, das ‘Nadra’ heißt.

Das Ding hatte seinen Preis. Die Rechnung habe ich aufbwahrt. Sie liegt sicher bei den Büchern. Wenn Sie oft genug in den Header kucken, können Sie Manches davon sehen.

Nun konfrontieren Sie mal ‘Nadra’ mit Liebe. Also das Nitroglycerin nicht ganz ungefährlich ist, war uns vorher bekannt. Bevor wir uns in die Kurve neigten; so wenig wie Ölspuren.

Die ebenfalls sehr gefährlich sind.

Wüstungen. Morgen möchte ich mit Nadra ein verlassenes Dorf ansteuern. Warum verlassen Menschen einen Ort und steuern einen anderen an?

Ein Tag mit hoher Verdichtung

Jetzt, wo es bereits hell wird, liegt ein Tag hinter mir. Ich habe einen kleinen Triumpf gefeiert und einen anderen sausen lassen. Aus gute Gründen. Hau’ mir in die Fresse, Babe.

Es sind zwei Backen, wenn ich mich täusche halte ich die andere hin. Das ist der Vorteil der Schizophrenie!

München – Hbf

Es ist wohl der Westausgang, jedenfalls jener der zur Wies’n führt, die im Westend liegt. Wenn du diesen Ausgang verlässt stehst du am Anfang der Goethestraße, über die ich in der SZ einen wunderbaren Artikel gelesen habe vor etlichen Jahren. Türkische Gemüsehändler, Wettbüros, eine Buchhandlung im oberen Teil. Trashbuden und solche, die Döner verkaufen. Ich bin diese Straße oft lang gegangen und habe sie geliebt. Dieses Sperrige, dieses Ächzen und Stöhnen. Pornoshops – danach bitte einen Kaffee oder gleich zum Bahnhof. Er befindet sich schließlich in Sichtweite.

In einer Paralellstraße zur Goethestraße kam mir ein Herr in den Jahren entgegen. Einer jener Spinnner, für die München g’rad’ no gnua Platz hat!

Er steuerte direkt auf einen Mülleimer zu, der an einem Straßenschild hing. Das Ding war orange gestrichen, es war public und es war überdacht.

Fast presste er seine Lippen durch den schmalen Schlitz zwischen orangenem Blech und schrie: “Petra!!!”

Das hallte.

Als er wegging murmelte er vor sich hin, ‘vermutlich hört sie wieder nicht, die alte Fotze!’

Wow – dachte ich mir, als er mich passierte – hier will es einer offenbar wirklich wissen.

Immerhin!

Der den er passierte, der will es offenbar auch wissen.

Ma hatte es häufig nach München gezogen. Ich mochte die Stadt von Kindesbeinen an.

München – das war die andere Welt – die Welt jenseits der Mauern. Die Jungs waren durchgeknallter und als ich diesen Typen in einer Parallele zur Goehtestraße traf, dachte ich mir, vielleicht haben wir uns vor zwanzig Jahren schon einmal gesehen.

Der Sound jedenfalls war mir vertraut.

Der Klang von Asphalt.

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